Archiv der Kategorie ‘Schwule Bibliothek‘

 
 

Rolf Erdorf liest aus der „Adrian Mayfield“-Trilogie von Floortje Zwigtman

Mittwoch, 25. Januar 2017, 18.00 h
Stadtbibliothek Bielefeld, Neumarkt 1, 33602 Bielefeld
StadtBahn Hauptbahnhof, Jahnplatz
Eintritt frei

In ihrem eindrucksvollen Jugendroman „Ich, Adrian Mayfield“ verknüpft Floortje Zwigtman Charles Dickens mit Oscar Wilde – als fiktive Memoiren eines viktorianischen Callboys. (FAZ)

Welche Perspektiven hat ein 16-Jähriger von der Londoner East Side des Jahres 1894, der die hoch verschuldete Kneipe seines alkoholkranken Vaters unter den Hammer kommen sah und jetzt in einem zweitklassigen Herrenmodegeschäft in Soho als Verkäufer arbeiten muss, was ihn jeden Morgen beim Aufwachen dieses miese o… hell!-Gefühl besorgt? Ist es nur der furchtbare Job, der ihn abhauen und ausgerechnet bei diesem dicken Kunden Zuflucht suchen lässt, der ihn einmal in der Umkleidekabine unsittlich betasten wollte?

Es dauert eine Weile, bis sich Adrian eingesteht, dass es nicht nur die finanzielle Not ist, weswegen er die Seiten gewechselt hat. Statt zu den „gesunden engli­schen Arbeiterjungs“ gehört er jetzt zu denen, die sie früher gemeinsam verprü­gelt haben: den Puppenjungen. Denn gibt es für jemanden, der so empfindet wie er, überhaupt eine andere Möglichkeit als wohlhabende ältere Herren? Und was ist dort zu finden? Nur schnelles Geld für schnelle Lust, oder doch die große Liebe? Aber wie soll eine Liebe, die es gar nicht geben darf, groß werden? Wenn sogar ein Großer wie Oscar Wilde deswegen ins Zuchthaus muss und Adrians nob­ler und reicher Freund Vincent es daraufhin so sehr mit der Angst zu tun be­kommt, dass er sich in medizinische Behandlung begibt?

Zwischen Prostitution und pädagogischem Eros, zwischen sündiger Triebhaftigkeit und platonischer Entsagung muss sich Adrian seinen Weg suchen – gegen alle bö­sen Zuschreibungen nicht nur der viktorianischen Zeit, die für einen unglücklich Veranlagten wie ihn eigentlich nur ein Ende vorsehen: den frühen Tod.

Floortje Zwigtman, geb. 1974, gilt als eine der herausragendsten und eigenwilligsten jungen Stimmen der niederländischen Jugendliteratur. All ihre Bücher waren nicht nur Presse-, sondern auch Verkaufserfolge, wurden mehrfach ausgezeichnet und kontrovers diskutiert. Sie lebt und arbeitet in Südholland als freie Schriftstellerin und Lektorin.
Rolf Erdorf, 1956 in der Eifel geboren, hat u.a. Germanistik und niederländische Philologie studiert. Heute lebt er in Bad Oldesloe und arbeitet hauptberuflich als Übersetzer aus dem Niederländischen. Für seine Arbeit in der Kinder- und Jugend­literatur wurde er 2005 mit dem renommierten niederländischen Martinus-Nijhoff-Preis des Prins-Bernard-Kultuurfonds ausgezeichnet.

Vortrag und Buchpräsentation | Selbsthass & Emanzipation

patsybuch500

16.11.2016 // 19 Uhr
Universität Bielefeld, UHG – Hörsaal 9

Nicht nur Heterosexuelle betonen möglichst häufig,wie tolerant und liberal die Gesellschaft doch mittlerweile geworden sei – gerade in Bezug auf Schwule, Lesben und Transmenschen.

Auch Schwulen, Lesben und Transmenschen ist die Normalität ein großes Anliegen, zu der es zu gehören scheint, dass alles, so wie es ist, in bester Ordnung
sei.

Feindseligkeit aber ist immer noch vorhanden. Am deutlichsten spürbar im Coming-out, das auch heute für die meisten ein Problem darstellt. So weit kann es
also nicht her sein mit der Normalität der Anderen. Und doch wird in zahlreichen Aufklärungsversuchen ein Schwerpunkt auf den Abbau von Vorurteilen
gelegt. Das kommt häufig einer Unterwerfungsgeste gleich – und allzu oft wird der Hass vergessen, der ja das eigentliche Problem ist. Anderssein wird abgewertet, was sich nicht zuletzt auf die Anderen und ihren Umgang mit sich selbst auswirkt.

Patsy l’Amour laLove präsentiert im Vortrag ihren Sammelband „Selbsthass & Emanzipation“ (Querverlag) und geht der Frage nach, was Emanzipation im heterosexuellen Wahnsinn bedeuten kann.

Patsy l‘Amour laLove, Polit-Tunte, Dissertation zur Schwulen­bewegung der 1970er Jahre, Organisatorin wissenschaftlicher und kultureller Veranstaltungen wie Polymorphia – die Terror­TuntenNacht, arbeitet im Archiv & Kuratorium des Schwulen Museums* und als Referent des LGBTI-Referats an der HU Berlin.

Buchvorstellung | Selbsthass & Emanzipation. Das Andere in der heterosexuellen Normalität

patsybuch500
Selbsthass & Emanzipation. Das Andere in der heterosexuellen Normalität.
Vortrag und Buchvorstellung
Patsy l’Amour laLove

Mittwoch, 16.11.2016, 20 h, Uni Bielefeld, Hörsaal 9

Nicht nur Heterosexuelle betonen möglichst häufig, wie tolerant und liberal die Gesellschaft doch mittlerweile geworden sei – gerade in Bezug auf Schwule, Lesben und Transmenschen. Auch Schwulen, Lesben und Transmenschen ist die Normalität ein großes Anliegen, zu der es zu gehören scheint, dass alles, so wie es ist, in bester Ordnung sei.
Die Feindseligkeit aber ist immer noch vorhanden. Am deutlichsten spürbar im Coming-out, das auch heute für die meisten ein Problem darstellt. So weit kann es also nicht her sein mit der Normalität der Anderen. Und doch wird in zahlreichen Aufklärungsversuchen ein Schwerpunkt auf den Abbau von Vorurteilen gelegt. Das kommt häufig einer Unterwerfungsgeste gleich – und allzu oft wird der Hass vergessen, der ja das eigentliche Problem ist.
Anderssein wird abgewertet, was sich nicht zuletzt auf die Anderen und ihren Umgang mit sich selbst auswirkt. Patsy l’Amour laLove präsentiert in ihrem Vortrag ihren Sammelband „Selbsthass & Emanzipation“ (Querverlag) und geht der Frage nach, was Emanzipation im heterosexuellen Wahnsinn bedeuten kann.

Patsy l’Amour laLove, Polit-Tunte, Dissertation zur Schwulenbewegung der 1970er Jahre, Organisatorin von Veranstaltungen wie „Polymorphia – die TrümmerTuntenNacht“, engagiert im Schwulen Museum*. . www.patsy-love.de

Autorenlesung | Wir Propagandisten

Dienstag, 17.11.2015, 20 h, Stadtbibliothek, Literatur-Café, Neumarkt 1, Bielefeld – Es liest Gabriel Wolkenfeld
Propagandisten1
Jekaterinburg, benannt nach Katharina der Ersten, liegt zu Füßen des Ural am östlichen Rand Europas. Dorthin reist im Jahr 2013 ein junger deutscher Slawist, um russische Studenten in deutscher Sprache und Kultur zu unterrichten. Über soziale Netzwerke hat er im Vorfeld bereits einige Bekanntschaften geschlossen, und so holen ihn vier junge Männer vom Flughafen ab. In einer Welt, die auf kafkaeske Weise im 19. Jhdt. steckengeblieben zu sein scheint, ist der deutsche Gast eine echte Attraktion, doch jeder fragt ihn: Warum, um Gottes willen, kommst du freiwillig nach Russland? Erst recht als Schwuler – zu einer Zeit, als die Duma „homosexuelle Propaganda“ per Gesetz verbieten will?

„Wir Propagandisten“ erzählt, was dem deutschen Gast im Laufe eines Jahres in Russland widerfährt: Wolkenfeld fängt mit seinem sehr individuellen Tonfall die Atmosphäre und den Geruch einer Welt ein, die dem deutschen Leser weiter entfernt scheint als die 5000 Kilometer Luftlinie auf der Landkarte. Während seines Aufenthalts ist er ständig von einer Clique von Freunden umgeben, jungen Studenten, die noch bei ihren Eltern wohnen und nicht im Traum darauf kämen, sich öffentlich als schwul zu erkennen zu geben. Ihr Treffpunkt ist die Küche des deutschen Lehrers, wo Pelmeni köcheln und Wodka getrunken wird, oder sogenannte „Themenklubs“:

„Wir fahren in einen dunklen Hinterhof hinein. Weder Lichter noch Menschen, nicht einmal der Schatten einer Katze huscht vorüber. Hier, fragt der Fahrer verunsichert. Und Mitja drückt ihm einen Schein in die Hand. Wir laufen kahle Wände entlang, biegen, an den Toiletten vorbei, um die Ecke und betreten einen Raum, der eher einem Speicher als einer Bar ähnelt, grau und geräumig. Full house, staune ich. Die mit Samt bezogenen Galerien seitlich der Tanzfläche sind bis auf den letzten Platz besetzt.“

Gabriel Wolkenfeld wurde 1985 in Berlin geboren. Während und nach seinem Studium der Germanistik, Literaturwissenschaft und der russischen Sprache lebte er jeweils für etwa ein Jahr in Estland, Russland und der Ukraine. „Wir Propagandisten“ ist sein erster Roman.

Lesung | Die Nacht aus Blei

Zum 50. Todestag von
Hans Henny Jahnn (1894 – 1959)

Hans Henny Jahnn

Lesung mit Johannes Setzer

Café Rojo, Oberntorwall 3
Freitag, 18.12.2009, 20:00h


1920 wurde Hans Henny Jahnn mit dem in der Weimarer Republik renommierten Kleist-Preis ausgezeichnet. Als Juror sprach er den Kleist-Preis 1928 einer unbekannten Frau Seghers für die Novelle Der Aufstand der Fischer von St. Barbara zu. Die Anerkennung festigte Anna Seghers’ Absicht, Schriftstellerin werden zu wollen. Als dem Hamburger Jahnn in den fünfziger Jahren das Wasser bis zum Halse stand, war Seghers eine stille Vermittlerin. Der vielseitige und tätige Schriftsteller bekam den Auftrag, die Orgel für den Rundfunksendesaal in der Ostberli­ner Nalepastraße zu bauen. Orgel und Saal sind ein Kulturdenkmal in Deutschland, das dem Land so wichtig ist wie das literarische Werk des Hans Henny Jahnn.

„An Jahnn ist viel gesündigt worden“, schrieb vor knapp zwei Jahrzehnten der österreichische Autor Josef Wink­ler. Der Satz gilt! Auch im Jahr des 105. Geburtstages und des 40.Todestages. An Jahnn wird weiter gesündigt. Suhrkamp könnte Einspruch erheben. Abermals wurde Jahnns Erzählung Die Nacht aus Blei in die respektable Bi­bliothek Suhrkamp aufgenommen. Das ist Bringeschuld. 1956 überließen die Frankfurter dem kleinen Hamburger Christian Wegner Verlag das Risiko der Veröffentlichung. Jahnn ist ein Risiko. Auch daran hat sich nichts geän­dert. Das weiß, wer mit dem Namen etwas anzufangen weiß. Wer im Stand der Unschuld ist, sollte zuerst die „Editorische Nachbemerkung“ des Buches lesen. Jahnn-Anfänger gibt es von Generation zu Generation. Sie zäh­len so wenig Legionen wie bekennende Homoerotiker und Homosexuelle. Die als separater Druck veröffentlichte Erzählung Die Nacht aus Blei ist Teil des Gesamtwerks des gebildeten und bildenden Ästheten Hans Henny Jahnn. Im Leben wie in der Literatur feierte er das Männlich-Jugendliche als Inbegriff des Schönen. Im Sinne Pla­tons pflegte er Meister-Schüler-Beziehungen als die untadligsten Beziehungen. Hans Henny Jahnn war ein Mensch der Tat, dem das Träumen kein simpler Trost war. Intensiver und inniger als im Leben hat er in seiner Li­teratur gelebt, wozu er im Leben nicht in der Lage war. Glücklich-glückloser Jahnn! Sich nicht mit den Massen gemein zu machen hieß nicht, ohne solidarischen Gemeinsinn zu sein. Sich nicht banalen Leserwünschen zu beu­gen bedeutete nicht, Literatur für eine Elite zu schreiben. Tatsache bleibt, daß Hans Henny Jahnn kein Mensch und Schriftsteller für die vielen war und ist.

Das Wieder-und-wieder-Lesen rückt Jahnn nicht näher an die Gegenwart. Hat sich der Schriftsteller an seiner lite­rarischen Zukunft versündigt, als er sich hinter die Visionen eines Kafka zurückzog? Ist Die Nacht aus Blei ein Paradebeispiel für das Vermögen und Unvermögen des Prosaisten? Da Jahnn mit dem gesonderten Druck einver­standen war, muß er auch mit dem Unverständnis der Leser gerechnet haben. – Wie so oft? – Wie die Erzählung le­sen? Als Vision der völligen Vereinzelung des Individuums, die darin gipfelt, das ein isoliertes Ich seinem jünge­ren, sterbenden Ich begegnet? Die an sich faszinierende Idee wird in einer unwirtlichen, unwirklichen Wirklich­keit derart ins Absurde gesteigert, daß man geneigt ist, Grundlosigkeit den Grund für die Geschichte zu nennen. Was zudem Veranlassung sein könnte, über Grund oder Grundlosigkeit des Lebens nachzudenken. Der Text läßt vielerlei Assoziationen zu. Zumindest so lange, solange nicht wahrgenommen wird, daß die Erzählung nichts an­deres schildert als den Alptraum eines jungen Mannes. Seine Geschichte ist Gegenstand des unvollendeten „ho­mosexuellen Liebesromans“ – was immer das ist! – „Jeden ereilt es.“ An dem Roman saß Jahnn, als er sein Brot mit dem Orgelbau in Ost-Berlin verdiente.

Aus einem Fragment gelöst, hat Die Nacht aus Blei etwas Fragmentarisches. Als eigenständige Erzählung gelesen, hat sie etwas Konstruiertes, das so schwer hinzunehmen und zu ertragen ist wie die gekünstelte Sprache. Nicht vergleichbar mit der Schlichtheit einer Anna Seghers, der Klarheit eines Georg Büchner, der Suggestivität eines Franz Kafka. Die Stationen, die Matthieu, jener Alpträumer, in einer finsteren, toten Stadt absolviert, sind Huren­haus, Spelunke, Kloake. Können Klischees kompletter gehäuft werden? Daß Matthieu Zwei ein Knabe ist, der aus der Kloake kam, wundert kaum mehr. „… entzünde ein Streichholz, bitte – damit wir einander wieder als etwas Wirkliches erkennen -“, verlangt der Ältere von dem Jüngeren, als sie in die Kanalisation hinabsteigen. Irgend­wann sehnt sich der Leser nach einem Lichtschimmer. Den garantiert der Schriftsteller – dann doch – immer wie­der mit Sätzen, die Freunde als Jahnn-Sätze schätzen. Sätze, die adoptiert wurden in der Literatur von Hubert Fichte bis Thomas Böhme. Sätze, die Allgemeingut wurden und den Verfasser anonymisierten. War’s das, was Jahnn für sich wollte? Vielzitiert ist: „Wir gehen durch die Straßen, bis unsere Liebe schlimm wird.“ Einer der leuchtenden Sätze aus Die Nacht aus Blei! Wie der: „Wir leisten Widerstand, weil wir uns selbst nicht kennen und den Nächsten noch weniger.“ Na bitte, wer sagt’s denn! Ist damit nicht alles über unsere Verhältnisse zu Hans Henny Jahnn gesagt? Wir leisten zuviel Widerstand, weil wir zu wenig kennen. Wir kennen zu wenig, weil sich zuviel widersetzt. Was nicht nur am Leser liegt. Nicht wahr, Hans Henny Jahnn?

Berliner LeseZeichen, Ausgabe 5/99 (c) Edition Luisenstadt, 1999

Schwule Bibliothek | Anschaffungen der Schwulen Bibliothek im Juni und Juli

Schwule Bibliothek | Anschaffungen im April und Mai

Arnold Stadler; Komm, wir gehen; Fischer TB; Ffm. 2009

Arnold Stadler; Salvatore; S. Fischer Verlag; Ffm. 2009

Ellen Kushner, Delia Sherman; Die Legende vom letzten König; Goldmann TB; München 2009

Siegmund Freud; Schriften über Sexualität und Liebe; Fischer TB; Ffm. 2000

Tilman Lahme; Golo Mann; S. Fischer Verlag; Ffm. 2009

Jürgen Seidel; Young Nick; Gulliver; Weinheim, Basel 2002

Fritz J. Raddatz; Rilke – Überzähliges Dasein; Arche; Hamburg, Zürich 2009

Anna Babka, Susanne Hochreiter (Hg.); Queer Reading in den Philologien; Vienna University Press V & R unipress; Göttingen 2008

Alaa al-Aswani; Der Jakubijan-Bau; Lenis; Basel 2008

Judith Butler; Die Macht der Geschlechternormen; Suhrkamp; Ffm. 2009

Nahed Selim; Nehmt den Männern den Koran!; Piper; München 2007

Meg Rosloff; Damals, das Meer; Carlsen; Hamburg 2009

Jessica Benjamin; Der Schatten des Anderen – Intersubjektivität, Gender, Psychoanalyse; Stroemfeld/Nexus; Ffm., Basel 2002

Simon Blackburn; Wollust – Die schönste Todsünde; Wagenbach; Berlin 2008

Schwule Bibliothek | Anschaffungen im Februar

Matthias Frings, Der letzte Kommnist, Aufbau Verlag, Berlin 2009

Daniel Tammet, Elf ist freundlich und Fünf ist laut, Heyne TB, München 2007

Eva Ziebura, Prinz Heinrich von Preußen, Stapp Verlag, Berlin 1999

Norbert Bisky, Ich war’s nicht, Ausstellungskatalog, Walter König, Berlin 2007

Benny Ziffer, Ziffer und die Seinen, Männerschwarm, Hamburg 2009

Randy Shilts, Harvey Milk – Ein Leben für die Community, Gmünder, Berlin 2009

Klaus Wowereit, … und das ist auch gut so, Heyne TB, München 2009

Oda Lambrecht, Christian Baars, Mission Gottesreich – Fundamentalistische Christen in Deutschland, Ch. Links, Berlin 2009

Das Bildnis des Dorian Gray, DVD, UK 1970, Regie: Massimo Dallamano, mit Helmut Berger

Sebastiane, DVD, UK 1976, Regie: Derek Jarman

Westler, DVD, BRD 1985, Regie: Wieland Speck

Schwule Bibliothek | Neu erschienenMatthias Frings: Der letzte Kommunist – Das traumhafte Leben des Ronald M. Schernikau

Der letzte KommunistLang erwartet, liegt jetzt bei Aufbau die Biografie Ronald M. Schernikaus vor, der mit der „Kleinstadtnovelle“ zumindest schwule und mit „Die Tage in L.“ und der „Legende“ deutsche Literaturgeschichte geschrieben hat.

Verlagsangabe: Im Sommer 1980 zieht Ronald M. Schernikau (1960-1991) nach Westberlin. Er ist eine Lichtgestalt der Literatur, Autor der provokanten „Kleinstadtnovelle“. Er stürzt sich ins Nachtleben, in die Welt der Cabarets, Saunen, Discos. Er trifft die Liebe seines Lebens. Unter seinen Freunden, die wie er die Welt erobern wollen, ist der junge Schauspieler Matthias Frings. Doch in einem Punkt unterscheidet sich Schernikau von den anderen: Er ist Kommunist. Zum Entsetzen seiner Freunde will er DDR-Bürger werden. Im Herbst 1989 erfüllt sich sein Lebenstraum. Doch wenige Wochen später fällt die Mauer. – Neben einer schillernden Biographie, in der Elfriede Jelinek, Thomas Hermanns, Marianne Rosenberg, Peter Hacks u. v. a. auftreten, gilt es einen Autor zu entdecken: „Einer der größten deutschen Schriftsteller der letzten Jahrzehnte.“ Dietmar Dath

Und schon im SchwuR ausleihbar.

Ach so, die Kleinstadtnovelle, die Tage in L. und die Legende natürlich auch.

Film | Der Jakubijân-Bau

Der Jakubijan-Bau
Die Armen wohnen oben, auf dem Dach, in kleinen Kabüffchen, die ursprünglich als Abstellkammern konzipiert waren. In den Stockwerken darunter geht es weniger knapp zu. Dort hat ein durch die Revolution von 1952 teilenteigneter Grundbesitzer sein Büro mitsamt Liebesnest, ein Chefredakteur seine Wohnung, ein Neureicher das Domizil für seine Zweitfrau, und viele Ungenannte ihr ganz normales Zuhause. Auf vielfältige Weise verweben sich die Leben der Bewohner. Das Haus wird zum Mikrokosmos für Ägypten.

Alaa al-Aswanis Roman stellt vieles dar, was es in Ägypten gibt, worüber aber nicht häufig – und eigentlich nie in dieser Direktheit – gesprochen wird. Da kommt der junge Mann nicht an die Polizeischule, weil sein Vater nur Türhüter ist. Da hält sich der wohlhabende Journalist einen armen Oberägypter als Bettgenossen. Da predigt der eine Geistliche für die Regierungspolitik, der andere für den Terror. Da bereichern sich manche schamlos mit den zweifelhaftesten Geschäften. Da wird das junge Mädchen, die für ihre Familie sorgen muss, von allen Arbeitgebern systematisch belästigt. Da träumt der ehemalige Aristokrat von vorrevolutionären, besseren Zeiten. Da wird im Bereich der Politik geschmiert, geschnüffelt und gefoltert. Da wird eben das tägliche Leben Ägyptens gezeigt.

Das Buch hat für Aufregung gesorgt. Es ist in Ägypten, Frankreich und Italien zum Bestseller geworden, besonders nach seiner Verfilmung. Der Film wurde an den Festivals von Berlin, Cannes, New York gezeigt und an den Filmfestspielen in Zürich mit dem Hauptpreis ausgezeichnet. (Verlagsangabe)

Rezension:

2005 wurde der Roman „Der Jakubijân-Bau“ des ägyptischen Autors Alaa al-Aswani verfilmt. Der Streifen war die bisher teuerste ägyptische Filmproduktion und wurde zum Kassenschlager, das Buch im Anschluss zum Bestseller. Al-Aswani rührt an viele Tabus der ägyptischen Gesellschaft wie korrupte Politik, geheuchelte Sexualmoral, alltägliche Gewalt und Klassenschranken. Nun liegt das Buch auf Deutsch vor.

„Gerade hundert Meter trennen die Behlerpassage, an der Saki Bey al-Dassûki wohnt, vom Jakubijân-Bau, in dem sein Büro liegt. Dennoch braucht er für diese Strecke allmorgendlich mindestens eine Stunde, muss er unterwegs doch seinen Freunden an der Straße einen guten Morgen wünschen, den Inhabern der Kleider- und Schuhläden ebenso wie den Angestellten beiderlei Geschlechts, die darin arbeiten, den Kellnern und Kinobetreibern und den Kunden im Brasilianischen Café. Sogar die Torhüter, die Schuhputzer, die Bettler und die Verkehrspolizisten werden mit einem Gruß bedacht. Saki Bey kennt sie alle beim Namen und tauscht mit ihnen ein paar freundliche Worte und ein paar Neuigkeiten aus. Saki Bey ist einer der ältesten Bewohner der Sulaimân-Pascha-Straße.“

Saki Bey wohnt seit seiner Geburt im Jakubijân-Bau im wust al-balad, dem Zentrum Kairos. Aber der ältere Herr hat schon bessere Zeiten erlebt, wie damals, in den 40er Jahren, als er nach seinem Studium in Frankreich hierher zog, in das weithin strahlende, gerade neu nach westlichem Vorbild errichtete Zentrum der Nilmetropole. Als die gesellschaftliche Elite Ägyptens, zu der der Sohn eines Ministers gehörte, gebannt war von den Ideen der Moderne und das öffentliche Leben Kairos mit seinen zahlreichen Straßencafés, Nachbars und Clubs dem in Paris in nichts nachstand und jeder Gebildete selbstverständlich Französisch und nicht Arabisch sprach. Saki Bey ist die Hauptfigur in Alaa al-Aswanis Roman „Der Jakubijân-Bau“. Bis in die triste Gegenwart lässt der Autor den elegant gekleideten, liberal denkende Bohemiens in diesem Viertel leben. Er hat den Jakubijân-Bau nicht verlassen.

„Das Jakubijân-Gebäude ist ein Fantasiegebäude. Es hat nichts mit dem realen Gebäude zu tun. Es ist eine Kategorie. Ich hatte eine eigene Idee der Innenstadt Kairos. Für mich ist es nicht nur ein Viertel, ein Stadtteil. Es ist mehr. Die Innenstadt steht für eine Epoche. Sie ist das Symbol für die Seele Ägyptens, Symbol für die traditionelle ägyptische Toleranz. Die Religion wurde hier immer tolerant und offen interpretiert. Jahrhunderte lang galten Alexandria und Kairo als kosmopolitische und offene Städte. Hier lebten Juden, Griechen, Armenier, Italiener, Ägypter. Erst Ende der 70er Jahre des vergangenen Jahrhunderts hat sich dieses weltoffene Klima verändert.“

Saki Bey ist in Alaa al-Aswanis Roman „Der Jakubijân-Bau“ jene Figur, die den Faden aus der Vergangenheit bis heute spinnt, eine Art Alter Ego des Autors, gleich al-Aswani selbst Zeuge der rasanten Veränderungsdynamik, die die ägyptische Gesellschaft bis heute in Atem hält, angefangen mit der Revolution der freien Offiziere 1956, dem arabischen Sozialismus des Gamal Abdel Nasser mit seinem panarabischen Patriotismus, prägend für die Generation des Autors. Dann die Wende unter Sadat: Plötzlich kamen die Freunde aus den USA, und die neue Elite, die so genannten fetten Katze“, plünderten mit Schlagworten wie Privatisierung und Marktöffnung das Land aus, schafften Milliarden von Dollars in nur einer Generation auf Auslandskonten. Saki Bey passte sich den Verhältnissen an, versuchte unauffällig seinen Weg zu gehen. Widerstand existierte nicht, auch nicht, als die Islamisten seit den 80er Jahren zunehmend die öffentliche Sphäre mit ihren Moral- und Wertvorstellungen zu beherrschen begannen und die Straßencafés, Alkohol ausschenkenden Bars und vor allem die Nachtclubs nach und nach schließen mussten und die Reichen und Mächtigen das Stadtzentrum verließen, nach Nasr City oder in ein anderes, modernes und geschützteres Stadtviertel zogen.

Migranten vom Land und aus dem Süden des Landes eroberten die Hauptstadt Ägyptens und besetzten jeden freien Winkel der Innenstadt. Saki Bey aber blieb. Genauso wie die von italienischen und anderen europäischen Architekten errichteten imperialen Prachtbauten in wust al balad. Auf ihren Dächern nisteten sich die neuen Bewohner samt ihren Ziegen und Hühner ein, nicht mehr gewillt, sie zu verlassen. Saki Bey überlebte auch dies und mit ihm die Vision des Autors von einer weltoffenen, toleranten und multikulturellen ägyptischen Gesellschaft.

„Das Politik in der Geschichte spielt eine zentrale Rolle und ist meine Vision von Literatur. Ich schreibe Romane nicht für einen besonderen Zweck. Aber ich bin fest davon überzeugt, das man mit Romanen leben erschafft. Ich liebe die Definition, die besagt, das Literatur das Erschaffen von Leben auf Papier bedeutet. Es ist so ähnlich wie das wirkliche Leben, aber präziser, lebhafter und schöner. Entscheidend ist, wirkliches Leben in die Literatur einzubringen und durch die Charaktere und die Dramaturgie die Literatur so zu gestalten das man jedes nur erdenkliche Thema bearbeiten und miteinander verknüpfen kann. So entsteht die Verbindung von sozialen, politischen Themen durch die Kunst, ausschließlich durch die Kunst.“

Vielleicht ist es die Erinnerung Alaa al-Aswanis an seine Kindheit, die ihn zum Roman „Der Jakubijân-Bau“ inspiriert hat. Damals war der 1957 geborene Schriftsteller Schüler des französischen Lycée im Zentrum Kairos und damit Zeuge des Niedergangs jenes alten, weltoffenen Ägypten. Vielleicht ist es aber auch seine Erfahrung, als er im Jakubijân-Bau nach dem Studium der Zahnmedizin in den USA seine erste Praxis eröffnete. Das zehn Stockwerke hohe Gebäude, im Auftrag von Hagop Jakubijân, einem Millionär und Oberhaupt der armenischen Gemeinde Ägyptens, 1936 nach über zweijähriger Bauzeit fertiggestellt, hat Al-Aswani magisch angezogen. Doch wie schon Nagib Machfus in seinem berühmten Roman „Die Midaq-Gasse“ nutzt auch er den realen Ort nur, um den unterschiedlichen Charakteren größtmögliche Authentizität zu verleihen. Und so gelingt Al-Aswani, eine Art Sittengemälde der heutigen ägyptischen Gesellschaft zu zeichnen. Da gibt es kleine, rücksichtlose Händler und einen großen Geschäftsmann, ein reich gewordener Drogendealer und Parlamentsabgeordneter, der seine junge Mätresse rücksichtslos ausbeutet. Da wohnt der junge Mann, der wegen seiner Herkunft nicht zum Polizeidienst zugelassen wird, und zum militanten Islamisten wird. In einer anderen Etage lebt der homosexuelle Chefredakteur, der in den Spelunken des Stadtzentrum ständig nach Befriedung sucht und von staatlicher Verfolgung bedroht ist. Auf dem Dach schließlich leben Arbeiter und kleine Angestellte, die, erst vor einer Generation nach Kairo gekommen, einen unerbittlichen Existenzkampf mit- und gegeneinander führen. Sie alle sind Teil einer Haus- und Schicksalsgemeinschaft, die unablässig darum ringt, in einer politisch und wirtschaftlich völlig korrupten ägyptischen Gesellschaft zu überleben.

„In meinem Roman spielt die Homosexualität eine entscheidende Rolle und ich musste nicht nur viel lesen über die Homosexualität in Ägypten. Ich besuchte auch viele dieser abgewrackten Bars und Treffpunkte im Zentrum. Als ich zum ersten Mal in eine dieser einfachen Kneipen ging, kam ich in eine Polizeirazzia. Der Offizier fragte nach meinem Ausweis und warum ich hier sei. Ich überlegte, ob ich ihm sagen sollte, dass ich hier sei, um die Atmosphäre kennen zu lernen und um mit den Leuten zu sprechen. Aber ich wusste, wenn ich das täte, würde es nur Ärger geben. Ich sagte ihm also, dass ich gerade aus den USA gekommen sei und einfach nur ein Bier trinken wolle. Darauf sagte er, das es doch nicht anginge, das ein Doktor sein Bier trinken wolle. Er forderte mich auf, doch bitte schön in ein Fünf-Sterne-Hotel zu gehen. Ich aber bestand darauf, auch in diesen Bars mein Bier trinken zu dürfen. Irgendwann akzeptierte er, und so lernte ich nach und nach bei Razzien alle Polizisten kennen. Nach einer Weile grüßten Sie mich und riefen nur noch, Hi Doktor, wie geht’s, und ließen mich in Ruhe. Ich beschreibe also nur solche Orte, die ich wirklich kenne.“

Dass Al-Aswani dies in seinem Roman meisterhaft gelungen ist, steht außer Frage. Der „Jakubijân-Bau“ ist sicherlich der eindrucksvollste ägyptische Roman der vergangenen Jahre. Anders als die symbolgeladenen Romane eines Sonallah Ibrahim oder die als Parabel angelegten Romane Gamal al-Ghitanis zeichnet Al-Aswani mit sprachliche Leichtigkeit ein so eindrücklich verzweifeltes Bild der städtischen ägyptischen Gesellschaft, das es zuweilen so scheint, als schreibe er die in Kairo überall erfahrbare korrupte Wirklichkeit einfach ab. Dabei fehlt es dem weder an Tiefenschärfe, noch ist es notwendig, wie in der deutschen Ausgabe geschehen, gleich einem Theaterstück, die wichtigsten Personen des Romans vorab zu beschreiben. Al-Aswanis Roman, hervorragend übersetzt von Hartmut Fähndrich, ist ein fesselndes Stück arabischer Gegenwartsliteratur. (Christoph Burgmer, Deutschlandfunk, 15.03.2007)

Das SchwuR präsentiert die Romanverfilmung von Marwan Hamed (Omaret yakobean) am Samstag, den 17. Januar 2009, 20 h, in Zusammenarbeit mit dem AStA-Referat für Internationalismus im Filmhaus in der August-Bebel-Straße (Altes Lichtwerk).